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Taubblindendienst

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Zum Buch "Duft und Farbe - Gärten werden zu Oasen" / Rezensionen

Rezension

von Angelika Traub

Ruth Zacharias ist den Mitgliedern der „Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur e.V." als erste Preisträgerin des Alma de l'Aigle-Preises bekannt, der ihr 2013 im Rahmen der Jahrestagung in Kassel verliehen wurde. Diese Auszeichnung, so die mit dem 10. Lebensjahr erblindete Autorin im Vorwort, gab den entscheidenden Impuls zum vorliegenden Buch. Es vermittelt ihren subjektiven Zugang zum Erlebnisraum Garten, der blinden – und erst recht taubblinden Menschen – einen ganz eigenen Wahrnehmungs- und Bedeutungshorizont erschließt.
Mit dem Botanischen Blindengarten ist es Ruth Zacharias gelungen, ein bis heute einzigartiges Projekt mit Modellcharakter zu etablieren. Der Garten ist ein lebendiger Begegnungsort und entfaltet therapeutische Kraft für blinde und taubblinde Menschen, die als Gäste den Botanischen Blindengarten erleben und für die taubblinden Menschen im Ambulant Betreuten Wohnen.
Die vielfarbige Collage persönlicher Erkenntnismomente, historischer Anekdoten zur Entstehung des Gästehauses und tiefer Glaubensüberzeugung macht das emphatische, kämpferische und streitbare Engagement der Autorin deutlich, ohne dass dieses Projekt nicht hätte Wirklichkeit werden können. Aus intensiver eigener Erfahrung im Umgang mit Pflanzen erkennt Ruth Zacharias den grundlegenden Wert für ein gesundes, liebevolles „in der Welt sein".
Für Blinde und Taubblinde wirkt die sinnliche Ausstrahlung der Pflanzen als wichtiger und belebender Impulsgeber. Neben den taktilen Qualitäten kommt hier dem Duft der Pflanzen besondere Bedeutung zu. Zacharias fordert: „Wenn Pflanzendüfte so vielfach das Wohlbefinden fördern, dann haben gerade taubblinde Menschen ein Recht auf sie."
Die Autorin belässt es aber nicht bei diesem Apell. Eine wesentliche Leistung des Buches liegt in der grundlegenden Vermittlung einer auch für Landschaftsarchitekten neuen Perspektive, denn gestalterische Konzepte sind in der Landschafts- und Gartenarchitektur bisher nahezu ausschließlich visuell geprägt.
Die Komplexität menschlicher Naturerfahrung durch Riechen und Tasten und deren unmittelbare psychische (und physische) Wirkung erschließen sich aus den anschaulichen Beiträgen zu Tast- und Geruchssinn von Prof. Dr. Tobias Back (Neurologe, Sächsisches Krankenhaus Arnsdorf).
Die gezielte Ansprache der Sinne bedingt aber eine „Wahrnehmungsgestaltung" und einen „Zusammenklang" der Sinne, bemerkt Karolin Linker (Sinnwerk Kulturver­mittlung, Zürich) ergänzend. Diese Wahrnehmungsgestaltung ist Ruth Zacharias ein besonderes Anliegen. Analog zu einer visuell geprägten Gartenkultur entwickelt sie erste Konturen einer „Architektur der Düfte". Das ist ein mutiges Unterfangen, denn Düfte sind flüchtig und lassen sich auch verbal nur schwer definieren. Zacharias typisiert dennoch einundzwanzig unterschiedliche Duftnoten und kombiniert über zwanzig harmonische Düfte, teilweise mit exakten Angaben für die Anzahl der Pflanzen, um ein „Zuviel des Guten" zu vermeiden.
So ist der Titel „Duft und Farbe" in dieser neuen Reihung als Apell für „Sinn-volle" erweiterte Perspektiven in der Gartenkultur zu lesen und bietet auch für Schulen und Hochschulen ein lehrreiches Angebot – vor allem kann es als wertvolle Ergänzung des planerischen Arsenals im therapeutischen Umfeld genutzt werden. Konkrete, vielfach im „Storchennest" erprobte Lösungen formulieren erstmals einen klaren Qualitätsstandard, an dem sich künftig öffentliche Anlagen messen lassen müssen.

Ruth Zacharias: Duft und Farbe – Gärten werden zu Oasen
edition winterwork 2019
Gebundene Ausgabe, 154 Seiten,
mit 87 Farbfotos aus dem Botanischen Blindengarten Radeberg
Bezug über Ruth Zacharias ruth.zacharias@web.de
sowie den Buchhandel: ISBN 978-3-96014-576-9


Rezension

von Dr. Siegfried Sommer

Radeberg ist weithin bekannt für des „Königs Tafelgetränk". Es birgt aber noch einen weiteren Schatz, der es verdient bekannt zu werden. Das ist der Garten für Sehbehinderte und Blinde. Er entstand während der letzten Jahrzehnte unter Anleitung der Autorin, der als Jugendliche selbst erblindeten Pastorin Ruth Zacharias. Ihr Buch ist mehr als ein Gartenführer. Es vermittelt den Leserinnen und Lesern die Möglichkeiten der Erlebbarkeit von Ausdrucksmitteln der Pflanzen. Das Entstehen des Blindengartens wird spannend geschildert. Er wäre ohne großzügige staatliche und kommunale Hilfe sowie durch das uneigennützige Engagement eines Planungsbüros nicht möglich gewesen. Wichtig war es dabei der Autorin neben dem Haus für taubblinde Menschen, deren Leiterin sie ist, einen Garten entstehen zu lassen. Dieses Buch ist daher auch eine Anleitung zur Anlage und zum Aufbau eines Gartens für Taubblinde . Dafür ist der Abschnitt: „Was Planer bedenken sollten" besonders hilfreich. Dieser außerordentlich vielseitig erlebbare Garten ist meines Wissens der einzige seiner Art im deutschsprachigen Raum. Ein Schwerpunkt des Buches ist eine Auswahl von Pflanzen-Arten und -Sorten die sich durch besondere Duftqualitäten auszeichnen, zu denen auch Kulturanleitungen vermittelt werden. Ein Besuch des Gartens ist für Blinde wie für Sehenden zu allen Jahreszeiten empfehlenswert und ein besonderes Erlebnis.


 

Gedanken zur Rezension

von Landschaftsarchitekt Michael Herz

Gedanken zur Ästhetik
• Wichtiger Beitrag für die Profession der Landschaftsarchitekten, da hier ein Ansatz formuliert ist, eine Kenntnis- und Diskussionslücke in der Profession der Landschaftsarchitekten zu besetzen
• Gestalterische und ästhetische Konzepte basieren derzeit fast ausschließlich auf einer starken visuellen Dominanz
• „Grundsteinlegung" einer Ästhetik der 5 Sinne- auch wenn der Sehsinn in der Regel der am häufigsten bewusst gebrauchte Sinn ist, wird die derzeitige ästhethische Ausrichtung der Landschaftsarchitektur in vielen Fällen der Komplexität menschlicher Sinneswahrnehmung nicht mehr gerecht
• Beitrag zum Widerstand gegen eine Verarmung der menschlichen Sinneswahrnehmung - „Reanimation" der Sinne.

Zum Thema Duft
• Insbesondere das Thema Duft und Pflanze wird in einer Wissenstiefe dargestellt, das sonst für Landschaftsarchitekten und Gärtner kaum verfügbar ist
• Fundament des Wissens: der Garten Storchennest, der nicht nur Freifläche einer Einrichtung und Rückzugsraum für blinde und taubblinde Menschen ist, sondern auch Experimentierraum und „Gartenlabor" in der Kombination und dem Zusammenspiel von Düften
• dieses Fachwissen ist (meiner Meinung nach) einzigartig und nur durch langjährige Erfahrungen zu erlangen
• Das Wissen von Duftkombinationen ist ansonsten eher dem Berufsstand der Parfümeure vorbehalten.

Profit für die Profession und die Lehre
• Die Kombination von Farben in Beetbepflanzungen und jahreszeitlichen Aspekten ist bislang das einzig anerkannte und praktizierte „Handwerkszeug" des überwiegenden Teils der Landschaftsarchitekten und Gärtner
• Auch in der Lehre (Berufsschule, Hochschulen) werden zwar in der Pflanzenverwendung bspw. Duftqualitäten einzelner Pflanzen gelehrt, meines Wissens aber nicht die Kombination von Düften
• Das Buch stellt einen Beitrag zu einer Begegnung der 5 Sinne „auf Augenhöhe" dar
• Hoffnung: Impuls zu einer Forschung auf weiteren Gebieten der Sinneswahrnehmung, wie z.B. „hörbare Landschaften"
• Wichtiger Beitrag zur Anreicherung des öffentlichen Raums in Parkanlagen, Kinder- und Schulgärten, medizinische Einrichtungen und natürlich Einrichtungen für demenziell erkrankte Menschen.

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